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Entstehung

Die Entstehung ist bislang durch die Wissenschaft nicht hinreichend geklärt. Am geeignetsten erweist es sich gegenwärtig, AD(H)S im Kontext eines entwicklungs-psychopathologischen Modells und als Phänomen zu verstehen, das sich über die Zeit verändert – je nach Einfluss der vielfältigen Risiken und abfedernden biologischen wie familiären und sonstigen Umgebungsbedingungen.

Am Zustandekommen des individuellen AD(H)S-Erscheinungsbildes sind vielfältige Faktoren beteiligt (Hinshaw 1994; Kazdin und Kagan 1994; Rutter und Sroufe 2000). Ein solches Modell schließt die Möglichkeit ein, dass die jeweiligen Einflussfaktoren in den jeweiligen Phasen der Entwicklung durchaus eine unterschiedliche relative Bedeutung haben.

Am einen Ende des Extrems finden sich Kinder, deren AD(H)S-Symptome hauptsächlich durch genetische bzw. biologische Risikofaktoren in den ersten Lebensjahren bestimmt sind – bei relativ geringer Beteiligung von familiären und sonstigen Umgebungseinflüssen.

Am anderen Ende des Extrems finden sich Kinder mit minimaler Prädisposition, die jedoch biologischen und sonstigen Umgebungsrisiken ausgesetzt sind. In diesem Fall kann die hoch risikobehaftete Umgebung zum hauptsächlichen Verursachungsfaktor des individuellen AD(H)S-Erscheinungsbildes werden.

In dem einen wie dem anderen Extremfall ist die Entstehung immer das Ergebnis eines Zusammenwirkens von (genetisch-biologischen) Prädispositionen und Umgebungsbedingungen. Die große Heterogenität von AD(H)S weist auf vielfältige Formen des Zusammenspiels von prädispositionellen und Erfahrungsfaktoren hin (Johnston und Mash 2001). Genetische Faktoren sind in den seltensten Fällen die allein ausschlaggebenden Einflüsse, denn es findet sich auch bei eineiigen Zwillingen keine 100 prozentige Konkordanz (Faraone und Biederman 2000).

Ein Kind mag eine geringe genetische Disposition für AD(H)S haben, jedoch in einer außerordentlich chaotischen, ohnehin sehr konfliktreichen und wenig unterstützenden Familienumgebung aufwachsen. Eine solche Umgebung kann in diesem Fall wesentlich dazu beitragen, dass das Kind tatsächlich Verhaltensweisen der Impulsivität, der Hyperaktivität und der Unaufmerksamkeit entwickelt und dadurch klinisch auffällig wird (Carlson u.a. 1995).

Umgekehrt mag ein Kind eine erhebliche genetische Disposition für AD(H)S haben, allerdings den Vorteil genießen können, eine sehr unterstützende und schützende Familienumgebung vorzufinden, die die Entwicklung der Selbststeuerung systematisch fördert und erleichtert. Dadurch kann u.U. die manifeste Entwicklung von AD(H)S deutlich eingeschränkt oder sogar ganz verhindert werden.